Interview mit Andreas Platthaus über Literaturblogs

Andreas Platthaus ist Ressortchef Literatur und Literarisches Leben bei der F.A.Z. und bloggender Comic-Experte. Im Interview spricht er über das Verhältnis des Feuilletons zu Blogs. 

Leipzig, 26.03.2017, CCL, Keynote Andreas Platthaus (Ressortchef Literatur u. literarisches Leben bei der FAZ) im Interview mit Malu Schrader

Literaturkritiker Andreas Platthaus © Gaby Waldek

Sie haben in Ihrer Keynote zu den buchmesse:blogger sessions davon gesprochen, dass Feuilleton und Blogs hinsichtlich leidenschaftlicher Kritik Verbündete, aber gleichzeitig Konkurrenten um Aufmerksamkeit sind. Das klingt sehr gleichberechtigt – aber ist es nicht oft so, dass im Blog landet, was in der Zeitung keinen Platz findet?
Beim Comic zum Beispiel auf jeden Fall. Bestimmte Dinge würde ich gar nicht machen, wenn ich nicht den Blog hätte. So regelmäßig würde ich gar keinen Platz für Comics bekommen. Dafür ist der Comic – so blöd sich das anhört – eine zu kleine Form. Häufig wird aber auch in anderen Bereichen die Überlegung angestellt: Müssen wir das überhaupt noch auf den knappen Papierplatz setzen? Reicht es nicht, ein Thema nur online zu machen, wenn es nicht ganz so wichtig ist? Damit bauen wir aber in gewisser Weise eine Leserschaft zweiter Klasse auf, die von uns zwar mehr zur Lektüre angeboten bekommt, jedoch vor allem Dinge, die wir selbst gar nicht für so wichtig halten. Aber eine der wichtigen Funktionen einer Zeitung ist ja gerade die Auswahl. Diese Auswahlfunktion müsste man auch im Netz weiterhin sichtbar machen. Darum bin ich kein großer Fan der Herangehensweise „Nicht wichtig genug fürs Blatt, aber halbwegs wichtig genug fürs Netz“.

Sind Blogs unabhängiger in der Auswahl dessen, was sie besprechen, weniger getrieben von Neuerscheinungen?
Das ist auf jeden Fall ein Thema. Ich finde es ärgerlich, dass wir uns in eine gewisse Hektik der Besprechung hineintreiben lassen. Bücher, die man später noch entdeckt – sei es durch Empfehlung, sei es durch Lektüre, man kann ja nicht alles gleichzeitig lesen –, sind ja nicht schlechter, als sie es zum Erscheinungszeitpunkt waren. Wir haben ein tolles Vertriebssystem in Deutschland, es ist kein Problem, Bücher, die ein paar Jahre alt sind, zu bestellen, weil sie vorrätig gehalten werden. Da sehe ich eine große Kompensationsmöglichkeit durch Blogs. Ich habe überhaupt keine Skrupel zu sagen, ich bin durch Zufall jetzt, mehr als ein Jahr nach Erscheinen, auf diesen oder jenen Comic gestoßen. Den möchte ich unbedingt empfehlen, und dies und das sind die Gründe dafür. Das passiert dann im Blog.

Glauben Sie, dass Blogs und Feuilleton sich in Zukunft näher kommen?
Ich würde mir sehr wünschen, dass mehr meiner Kollegen sich den Luxus erlauben würden zu bloggen. Es ist eine sehr schöne Form, um die Dinge, die wir wahrnehmen – viel mehr, als im Blatt landet –, dann auch zugänglich zu machen. Und es ist auch deshalb schön, weil die Blogs an keinerlei Erwartung gebunden sind. Ein Beitrag kann mal zwei, drei Sätze lang sein, das wird die Leute nicht ärgern; aber es können auch fünf, sechs Seiten sein, das wird die Leute im schlimmsten Fall langweilen. Für mich ist es toll, einen Bereich innerhalb des Netzauftritts der Zeitung zu haben, bei dem klar ist: Das hier ist absolut subjektiv. Da guckt auch kein Zweiter notwendig drauf, während sonst bei uns in der Zeitung wie auch im Netz das strenge Vier-Augen-Prinzip gilt. Manchmal macht man dumme Fehler, ich habe auch schon  dumme Fehler gemacht, aber das Bloggen hat dafür den Reiz der absoluten Unmittelbarkeit. Umgekehrt würde ich mir wünschen, natürlich auch aus egoistischen Gründen, dass mehr Blogs die Lektüre beispielsweise der F.A.Z. oder der Süddeutschen Zeitung zum Thema machen würden. Das fände ich sehr interessant, denn was ist spannender als Lesermeinungen?

Umgekehrt machen Sie aber die Lektüre der Blogs auch kaum zu Ihrem Thema …
Da haben Sie vollkommen recht! Im Endeffekt berichtet man einmal über das Phänomen, dann nennt man im besten Fall drei oder vier Beispiele, und damit hat sich die Sache. Da fordere ich also etwas, was ich auf der anderen Seite überhaupt nicht in Erwägung ziehe.

Es gibt ja sehr guter Blogs mit tollen Inhalten und hoher Reichweite. Warum findet zwischen denen und der „F.A.Z.“ keine Zusammenarbeit statt?
Es gab das mal: die Zusammenarbeit mit dem feministischen Blog 10vor8. Der war sehr interessant zu lesen und agierte unabhängig von der F.A.Z., aber es gab bisweilen Zielkonflikte. Die betreffen dann die Unabhängigkeit, aber von beiden Seiten. Ein unabhängiger  Blog will sich, verständlicherweise, nicht den F.A.Z.-Regularien unterwerfen. Aber es liest sich seltsam, wenn die eigene Zeitung oder die eigene Homepage von einem Blog, der dort mit vernetzt ist, angegriffen wird. Das passiert bisweilen, womöglich aus jeweils guten Gründen. Aber das hat dann leider keine Zukunft, dann sollte man lieber völlig unabhängig sein. Das ist die Schwierigkeit mit externen Blogs – wir beeinträchtigen deren Unabhängigkeit, wenn wir sie unseren Regularien unterwerfen. Deshalb ist es sehr schwer, da zusammenzukommen.

Andreas Platthaus’ Comic-Blog findet ihr hier: http://blogs.faz.net/comic/


Dieses Interview mit Andreas Platthaus konnte ich am Rande der buchmesse:blogger sessions führen. Es ist zuerst auf boersenblatt.net erschienen.
Veröffentlichung hier mit freundlicher Genehmigung des Börsenblatts.

Zweite Runde für die buchmesse:blogger sessions auf der Leipziger Buchmesse

Bei der Bloggerkonferenz #bmb17 in Leipzig ging es um Unabhängigkeit, Recht und Gesetz im wilden, weiten Internet  – und ums liebe Geld.

In der ewigen Debatte, wer Literatur wie und wo besprechen darf und kann, scheint der Ton langsam versöhnlicher zu werden. Das zeigte die zweite Bloggerkonferenz in Leipzig, die viel Stoff zum Weiterdenken lieferte – nicht nur für Blogger, sondern auch für die Teilnehmer aus der Verlagswelt, die sich über neue Impulse für ihre Kommunikationsstrategien freuen konnten.

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Wohin wird die Reise gehen? – Jochen Kienbaum (Lust auf Lesen), Mareike Krause (Meine Lesechallenges) und Bozena Anna Badura (Das Debüt) im Gespräch mit Moderator Wolfgang Tischer (v.l.n.r.) © Gaby Waldek

Literaturblogs: frei – oder abhängig?

Buchmessedirektor Oliver Zille sprach bei der Eröffnung von „verschiedenen Einflugschneisen“ ins Thema – und F.A.Z-Literaturchef Andreas Platthaus steckte vorab den Diskussionsrahmen für die buchmesse:blogger sessions ab: „Sie dürfen nicht allzu viel Höflichkeit von mir erwarten, ich halte weder das Feuilleton noch Blogging für der Weisheit letzten Schluss“, eröffnete Platthaus die Diskussion. Er bescheinigte den Blog-Rezensionen jedenfalls ein immens gestiegenes Niveau. Klassische Literaturkritik hingegen sei weniger gruppendynamisch als die Bloggerszene – und sie gebe sich den Anschein einer gewissen Allgemeingültigkeit: „Dabei gibt es keine Kulturberichte ohne Subjektivität.“

Platthaus drückte aber auch seine Sorge über die mangelnde Unabhängigkeit der Blogger von Verlagen und Autoren aus. Hier wünschte er sich klarere Prinzipien und mehr Reflektion. Und: „Verlassen Sie sich nicht darauf, dass der große Erfolg der Blogs so anhält.“ Auch die Blogs werden vom Medienwandel betroffen sein, so seine Prognose.

Mehr zu seiner Sicht auf Blogs im Interview mit Andreas Platthaus. 

Die Zukunftsperspektiven der Blogs spiegelten sich auch in anderen Panels wieder: Die Konferenzteilnehmer diskutierten über andere Formate und Kanäle wie Podcasts, Instagram oder YouTube, die zum Teil schon jetzt größere Reichweiten erzielen als viele Blogs – heute oft ergänzend, in Zukunft vielleicht komplett eigenständig.

Achtung, Schleichwerbung!

Rechtsanwalt und Blogger Tilman Winterling (54Books) nahm vor allem das Thema Schleichwerbung in den Blick. Er zeigte in seiner Session fragwürdige Beispiele und erläuterte die korrekte Kennzeichnung werblicher Blogbeiträge. Mit zunehmender Professionalisierung schreite der Selbstreinigungsprozess der Bloggerszene voran, so Winterlings Diagnose: „Die Gefahr, im Buchbereich verklagt zu werden, ist noch nicht so groß. Aber es geht los – und dann werden alle Schleichwerber elegant vom Markt geklagt“, warnte er.

Das liebe Geld

In der Abschluss-Session „Geldverdienen mit Blogs“ stellte der Moderator der Konferenz, Wolfgang Tischer (Literaturcafé), zusammen mit Blogger-Kollege Fabian Neidhardt (mokita.de) seine Ideen vor. Neben bekannteren Optionen wie Affiliate Links regten sie dabei auch an, guten Content als E-Book zu vermarkten oder die in Deutschland noch wenig genutzten Micropayment-Dienste (zum Beispiel Laterpay oder Flattr) zu nutzen.

Das Thema Monetarisierung hatte sich bei der Konferenz-Premiere im vergangenen Jahr verselbstständigt, war in alle Sessions eingesickert und hatte einen gewissen Drive erzeugt. Diese Energie fehlte dieses Mal ein wenig; vielleicht gab es nicht die eine Frage, die fast alle umzutreiben scheint, vielleicht war das Programm auch etwas zu vortragslastig. Vielleicht müssen die Blogger die Konferenz aber auch noch aktiver mitgestalten – zum Beispiel, indem sie Oliver Zilles ausdrücklicher Bitte um Feedback nachkommen und eigene Ideen einbringen. Das Ergebnis wird dann wohl auf der #bmb18 zu besichtigen sein.


Dieser Beitrag ist zuerst auf boersenblatt.net und im Börsenblatt 13/2017 vom 30. März 2017 erschienen. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Börsenblatts.

#littripNL16 ist zu Ende – aber die Reise geht weiter

Das Blogprojekt ‚Auf den Spuren von Tulpen und Windmühlen‘ geht heute zu Ende. Nach zehn Tagen voller Beiträge, Interviews und Gewinnspiele ist die Literarische Reise in die Niederlande erst mal vorbei.

Abschlussgewinnspiel
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© El Tragalibros

Zum Abschluss gibt es heute bei Ramona von El Tragalibros einmal die komplette Wagenbach-Reihe zum Ehrengast zu gewinnen – sechs wunderbare Titel, von denen ich zwei im Beitrag ‚Pas op, boekenworm! Snel lezen!‚ näher besprochen und aus ihnen vorgelesen habe. Mir gefällt diese Reihe sehr gut – angefangen vom stimmigen Coverdesign über die Auswahl der Autoren bis zu den Themen und Geschichten passt hier einfach alles.
Wenn ihr mögt, könnt ihr auf Ramonas Blog an der Abschlussverlosung teilnehmen.

Reiseblues

Manchmal, wenn man nach einer Reise wieder zu Hause landet, packt einen ja der Blues. Der Reiseblues. Oder eigentlich der Reise-vorbei-Blues. Im Fall von #littripNL16 müsst ihr euch davon aber gar nicht überwältigen lassen – die Lesereise geht ja jetzt erst richtig los. In diesem Herbst erschienen wahnsinnig viele Titel aus der Niederlande und auch aus Flandern auf Deutsch: eine großartige Chance, aus einem breiten Spektrum an Neuerscheinungen die richtige Lektüre zu finden. Kommende Woche beginnt die Frankfurter Buchmesse und damit finden die Ehrengast-Veranstaltungen in Frankfurt ihren Höhepunkt; schon im Vorfeld (und im Nachgang) gibt es da viel zu sehen und erleben. Auf der Internetseite des Ehrengastes  findet ihr eine Übersicht zu allen Veranstaltungen, dazu umfangreiche Informationen zu Autoren, Werken und Übersetzern. Und auch was den Pavillon unserer diesjährigen Gäste angeht, habe ich Vielversprechendes gehört und gelesen.

‚Das Fremde und die Fremde‘: Die Niederlande und Indonesien –
zwei Ehrengäste im Dialog

Wer am Messedonnerstag spätnachmittags Zeit hat, sei herzlich ins Haus des Buches eingeladen. Dort moderiere ich im Rahmen von Open Books eine Veranstaltung der Weltlesebühne: ein Gespräch mit den Übersetzern Bettina Bach und Gregor Seferens.

Die Übersetzer von ‚Die zehntausend Dinge‘ (Maria Dermoût) und ‚Der schwarze See‘ (Hella Haasse) stellen die Bücher vor, die sich beide auf unterschiedliche Art mit der niederländischen Kolonialzeit in Indonesien beschäftigen. Anschließend werden wir über die  besonderen Herausforderungen dieser Übersetzungsarbeiten sprechen.

  • 20. Oktober 2016, 17 – 18 Uhr 
    Ort: Haus des Buches, Braubachstraße 16, 60311 Frankfurt am Main
    Eintritt frei

Detaillierte Informationen zu der Veranstaltung und den beiden Übersetzern findet ihr hier.

 

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Ich wünsche Euch eine gute literarische Reise – es gibt eine Menge Potenzial für spannende Entdeckungen und tolle Leseerfahrungen!

Wenn ihr mögt, verratet mir doch in den Kommentaren, was Euer Lieblingsbuch oder Eure Neuentdeckung aus der Ehrengastregion ist.

 

‚Pas op, boekenworm! Snel lezen!‘ – Die Gastlandreihe aus dem Verlag Klaus Wagenbach

Pas op, Boekenworm! Snel lezen

In diesem Jahr erscheinen in vielen (fast allen?) Verlagen niederländischsprachige Titel – in den meisten Fällen im Zusammenhang damit, dass Flandern und die Niederlande dieses Jahr gemeinsam Ehrengast der Frankfurter Buchmesse sind. Der Verlag Klaus Wagenbach begnügte sich nicht mit dem Verlegen eines oder zweier Titel aus dem Gastland, nein – unter dem Motto ‚Pas op, boekenworm! Snel lezen!‘ ist gleich eine ganze Reihe mit sechs Titeln erschienen. Im Interview mit El Tragalibros erklärt Wagenbach-Lektorin Lena Luczak, wie es dazu kam:

„Jedes Jahr im Frühjahr bringen wir fünf bis sechs Titel in einer besonderen Taschenbuchaktion heraus zu einem übergeordneten Thema. Das kann, muss aber nicht mit einem bestimmten Gastland zusammenhängen. Wir hatten auch schon als Thema ‚Starke Frauen‘ oder ‚Literarische Krimis‘ etc. Diese Bücher sind immer inhaltlich wie äußerlich zusammengebunden und unterscheiden sich gestalterisch vom übrigen Programm. In vielen Buchhandlungen gibt es dazu oft besondere Schaufenster und ähnliches mit den Aktionstiteln. Das hilft den Büchern auf dem Weg zum Publikum.“

Ich habe mir aus der Reihe zwei sehr unterschiedliche Titel ausgesucht, die ich auch für meine Veranstaltung ‚Literarisches Speeddating – Flandern und die Niederlande‘ (Termine) ausgewählt habe. Es folgt: jeweils eine kurze Vorstellung samt Einschätzung. Dazu habe ich – Premiere! – jeweils eine kleine Stelle für euch eingelesen, damit ihr einen Eindruck vom jeweiligen Text bekommt. Mit echt original Erkältungsgebrummel!
(Mit freundlicher Erlaubnis vom Verlag Klaus Wagenbach. Danke, dass ich das machen durfte. Das mit der Erkältung tut mir leid.)

Cees Nooteboom:  Turbulenzen

Das schmale Bändchen von Cornelis Johannes Jacobus Maria (Cees) Nooteboom, der heute in Amsterdam und auf Menorca lebt, versammelt verschiedene kleine Texte zum Thema Reisen. Damit bleibt sich Nooteboom treu, gilt er doch als einer der wichtigsten Reiseschriftsteller unserer Zeit. Aber Reisen allein ist nicht Gegenstand dieses Buches, es geht auch um Erinnerungen und um das Alter, um den Abstand zum Erlebten und um das, was daraus resultiert. Anekdoten (die von der guten Sorte) stehen neben philosophischen Fragen (Wenn ich nicht allein, sondern gemeinsam mit jemandem reise – bleibe ich dann nicht dennoch allein, weil nur ich die Dinge auf meine Art betrachte?). Wie ein Puzzle werden die verschiedenen Reiseschnipsel zusammengesetzt, und auch wenn die Ziele – von Hilversum bis Albina in Surinam – sehr weit von einander entfernt sind, verdichten sich die Reiseerzählungen beim Lesen zu einer Geschichte. Die Schnipsel werden zu einem Bild. Weil es weniger um die einzelnen Reiseziele geht als darum, wie das so ist mit dem Reisen. Und was es mit einem macht. Mit seinem unverwechselbaren Ton, dem subtilen Humor nimmt Nooteboom die Leser mit auf seine Erinnerungsreise und lässt sie teilhaben an seinen Beobachtungen. Der Verlag schreibt: „Nooteboom-Fans werden eine ebensolche Freude haben wie Nooteboom-Anfänger“ – ich stimme zu.

Cees Nooteboom: Turbulenzen. Reisegeschichten. Erschienen 2016 im Verlag Klaus Wagenbach. Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen. 

Cees Nooteboom: Turbulenzen. Allein oder mit anderen. S. 38f.

Wytske Versteeg: Boy

In ihrem zweiten Roman erzählt Wytske Versteeg die Geschichte eines Paares, das sich ein Kind wünscht. Oder vielleicht ist es auch die Geschichte eines Mannes, der sich ein Kind wünscht, und einer Frau, die sich gar nicht so sicher ist. Auf jeden Fall können sie gemeinsam kein Kind bekommen – „Mein Zervixschleim und seine Spermien seien inkompatibel, genau so drückten sie sich aus und entschuldigten sich anschließend für die unglückliche Formulierung, die sic mir da aber bereits unauslöschlich eingebrannt hatte: Wir waren nicht dafür gemacht, ein Paar zu sein.“ – sie entschließen sich zu einer Adoption.
Das alles wird in Rückblenden erzählt, aus der Perspektive von Esther, der Adoptivmutter von Boy. Da ist Boy aber nicht mehr am Leben. Der Jugendliche war auf einem Klassenausflug verschwunden, später wird seine Leiche gefunden, die Polizei spricht von Selbstmord. Esther kann sich nicht mit Boys Tod abfinden. Esther und Mark, scheinbar nur noch in der Elternrolle als Paar vorhanden, driften in der Trauer endgültig auseinander.

„Mark und ich reden zwar noch manchmal, tun dabei aber eher so, also ob wir reden. Wenn wir weinen müssen, schließen wir uns auf dem Klo ein, als könnten wir uns durch die Tür nicht hören. Wir leben wie zwei Fremde in dem Haus, das jetzt viel zu groß ist, tauschen höflich Butter, Marmelade, und Erlebnisse aus.“

Geradlinig erzählt Wytske Versteeg eine Geschichte des Scheiterns auf allen Ebenen: die der (Adoptiv-)Mutter, der für ihre persönliche Situation auch ihr Wissen als Psychiaterin nichts nützt, eines Paares, das nicht in Kommunikation miteinander treten kann – und in größerem Maßstab auch die einer Gesellschaft, in der Mobbing und Rassismus nach wie vor ein Thema sind, ein Thema sein müssen. Schuld, großes Leid, Rachsucht und Einsamkeit: Es sind große Themen, aus denen die Autorin einen Roman entwickelt, der bisweilen an die Ausmaße griechischer Tragödien erinnert.
Schon auf einer Lesung im Rahmen der Leipziger Buchmesse beeindruckte mich Wytske Versteeg mit wenigen Seiten aus ihrer Geschichte, und dieser erste Eindruck hat sich für mich voll und ganz bestätigt. Kein Buch für heitere Stunden – aber eine absolut lohnenswerte Lektüre. Ich werde ihr Debüt ‚De wezenlosen‘ (‚Die Unwirklichen‘) auf jeden Fall lesen – und vielleicht nimmt sich Wagenbach ja auch dem Verlegen dieser Übersetzung an …

Wytske Versteeg: Boy. Roman. Erschienen 2016 im Verlag Klaus Wagenbach. Aus dem Niederländischen von Christiane Burkhardt.

Wytske Versteeg: Boy. S. 40f.


Literarische Reise in die NiederlandeDieser Beitrag ist Teil des Blogprojekts #littripNL16: ‚Auf den Spuren von Tulpen und Windmühlen‘ – Eine literarische Reise in die Niederlande, initiiert von El Tragalibros. Ein bisschen was dazu habe ich hier schon geschrieben.


Zu den Beiträgen der anderen Blogger bitte hier entlang:
El Tragalibros – Projektvorstellung und Terminplan
Pinkfisch – DAS MAG.  Junge Literatur aus Flandern und den Niederlanden
Umblättern – ‚Ferne/Sehnsucht nach Kapstadt‘ von Otto de Kat  

El Tragalibros – Wie bereitet sich der Verlag Klaus Wagenbach auf den FBM-Ehrengast vor? 
Eintopf Heimat – Niederlande/ Flandern kulinarisch 
(mit extra Rezept für #littripNL16: Meikaas mit sautierten Spargelspaghetti)
Der Bücherblog – Boekenbon vs BücherScheck. Die Büchergutscheine im Vergleich 
Papiergeflüster – Ein niederländischer Comic: ‚In the Pines – 5 Murder Ballads‘ von Erik Krieg
Bücherkaffee – Gastland Niederlande & Flandern | Der Eismacher von Ernest van der Kwast
Teekesselchen – Niederländischer Frühstückskuchen

Weitermachen da. / #littripNL16

Klarer Fall von Overload

Der Name meines Blogs, Buchbüchse, spielt ja mit dem Bild der Fischbüchse, in der die Sardinen (hier mehr so Bücher) dicht gedrängt aneinander liegen. In der letzten Zeit ist es ein bisschen arg eng geworden in der heimischen Buchbüchse, also in diesem ganz echten Leben da draußen. Und wer musste drunter leiden? Yo. Der Blog.
Wenn viel Arbeit und Veranstaltungen und Verpflichtungen und Unlust und alles zusammenkommen, dann wird es eng. Aber: Weitermachen war immer das Ziel. Ist immer noch das Ziel. Und deshalb freue ich mich, jetzt ankündigen zu können: Hier tut sich wieder was.

Literarische Reise in die Niederlande

#littripNL16 – eine literarische Reise in die Niederlande

Mit dem Hashtag #littripNL16 startet unter dem Titel ‚Auf den Spuren von Tulpen und Windmühlen‘ ein Blogprojekt, das sich mit einem der diesjährigen Ehrengäste der Frankfurter Buchmesse beschäftigt. In insgesamt 13 Tagen stellen unterschiedliche Bloggerinnen und Blogger eines der Gastländer aus diesem Jahr, nämlich die Niederlande, vor: literarische Empfehlungen, Interviews, kulinarische Leckereien & mehr erwarten euch.
Wer nichts verpassen möchte, trägt sich in die Facebook-Veranstaltung ein – dort werden alle Beiträge gesammelt. Initiiert wurde das Projekt von Ramona von El Tragalibros, die nicht nur Beiträge beisteuert und unsere Runde organisiert, sondern auch verschiedene Gewinnspiele veranstaltet.

Während ich jetzt weiter an meinem Beitrag feile, der nachher noch online gehen wird, könnt ihr ja schon mal auf den Seiten der anderen Blogger vorbeischauen (unten sind alle bisher erschienenen Beiträge verlinkt) oder den Hashtag #littripNL16 auf den diversen Social-Media-Kanälen verfolgen.

Und wer Lust hat, sich auf irgendeine Art einzubringen, Artikel zu verlinken, Bilder zu posten, Bücher zu empfehlen: In der Facebook-Veranstaltung findet all das Platz. Und #littripNL16 nicht vergessen!


El Tragalibros – Projektvorstellung und Terminplan 
Pinkfisch – DAS MAG.  Junge Literatur aus Flandern und den Niederlanden
Umblättern – ‚Ferne/Sehnsucht nach Kapstadt‘ von Otto de Kat  

El Tragalibros – Wie bereitet sich der Verlag Klaus Wagenbach auf den FBM-Ehrengast vor? 
Eintopf Heimat – Niederlande/ Flandern kulinarisch 
(mit extra Rezept für #littripNL16: Meikaas mit sautierten Spargelspaghetti)
Der Bücherblog – Boekenbon vs BücherScheck. Die Büchergutscheine im Vergleich 
Papiergeflüster – Ein niederländischer Comic: ‚In the Pines – 5 Murder Ballads‘ von Erik Krieg
Bücherkaffee – Gastland Niederlande & Flandern | Der Eismacher von Ernest van der Kwast
Teekesselchen – Niederländischer Frühstückskuchen

Indiebookday 2016 – New In(dies)

Indiebookday 2016 Ausbeute

Im letzten Beitrag habe ich erklärt, was es mit dem Indiebookday auf sich hat und ein paar lohnenswerte Bücher aus Independent-Verlagen vorgestellt – und jetzt möchte ich euch natürlich auch zeigen, welche Bücher bei mir neu eingezogen sind und warum. Es sind fünf Bücher aus fünf verschiedenen Verlagen geworden.

 

DasHündischeHerz
Michail Bulgakow – Das hündische Herz

Novelle. Erschienen 2016 bei der Büchergilde Gutenberg. Neuübersetzung von Alexander Nitzberg. Illustriert von Christian Gralingen.

Die Anschaffung dieses Buchs war gesetzt, seit ich es im Büchergilde-Magazin erstmals gesehen habe. Der Klassiker in Neuübersetzung, mit fantastischen Illustrationen und in wunderbarer Ausstattung – für mich ein Muss. Ich freue mich sehr auf diese Novelle.

 

 

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Daniela Danz – Lange Fluchten

Roman. Erschienen 2016 im Wallstein Verlag. 146 Seiten.

„Eine Abenteuergeschichte über die Abgründe des eigenen Ichs, eine moderne Legende – bildmächtig, geheimnisvoll, bezwingend“ (Klappentext): Damit hatten sie mich schon mal inhaltlich. Dann habe ich die Leseprobe angefangen; es geht los mit präparierten Amseln und abgeschnittenen Gänseflügeln. Jetzt will ich mehr von diesem skurril anmutenden Roman lesen, deshalb liegt der schmale Band nun hier. Und spätestens nach ‚Applaus für Bronikowski‘ und ‚Ein Brautkleid aus Warschau‘ schaue ich mir das Programm von Wallstein ganz genau an.

 

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Tomás González – Was das Meer ihnen vorschlug

Roman. Erschienen 2016 im mareverlag. Aus dem Spanischen von Rainer und Peter Schultze-Kraft. 160 Seiten.

Ich zitiere mal den Klappentext: „Solange sie denken können, hat ihr herrischer Vater sie gedemütigt und für nichtsnutzige Versager gehalten. Als ihr Boot beim Fischen in einen schweren Sturm gerät, bei dem der Vater über Bord geht, erkennen die Zwillingsbrüder eine zweifelhafte Chance.“ Ich erhoffe mir eine kammerspielartige (kann ja keiner einfach weggehen, so mitten auf dem Meer), intensive Geschichte.

 

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Christoph Simon – Spaziergänger Zbinden

Roman. Erschienen 2010 im bilgerverlag. 186 Seiten. 

Das Programm des bilgerverlags habe ich schon seit einer Weile mit Interesse verfolgt, habe aber bisher nie etwas aus diesem Verlag gelesen. Heute ist mir dann in der Buchhandlung dieses Buch in die Hände gefallen – und da ich finde, dass der Indiebookday neben der Unterstützung unabhängiger Verlage auch dafür da sein kann, Neues zu wagen, habe ich Christoph Simons Liebesgeschichte um den leidenschaftlichen Spaziergänger Zbinden (dieser Name allein!) in den Buchbeutel gepackt.

 

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Bettina Steinbauer – Das Unbehagen der Elsa Brandt

Roman. Erschienen 2015 im Solibro Verlag. 224 Seiten.

Schon lange schleiche ich um dieses Buch herum und habe schon viel Gutes darüber gehört und gelesen. Mich interessiert diese Geschichte um eine störrische Außenseiterin, die beständig ein Unbehagen gegenüber dem eigenen Leben verspürt und sich kompromisslos den grundsätzlichen Fragen stellt. Also war der Indiebookday ein willkommener Anlass, den Roman mitzunehmen.

 

Neugierige können sich auf allen Kanälen sozialer Medien unter dem Hashtag #indiebookday die Bücher anschauen, die heute gekauft wurden – als E-Book oder gedruckt, in der Buchhandlung oder online, vorbestellt oder spontan. Wie ist egal, Hauptsache indie.
Ich geh jetzt mal die Ausbeute der anderen anschauen.

Außer Ostern: Indiebookday 2016

Indiebookday 2016
„Es gibt viele kleine tolle Verlage, die mit viel Herzblut und Leidenschaft schöne Bücher machen. Aber nicht immer finden die Bücher ihren Weg zu den Lesern. Der Indiebookday kann da für ein bisschen Aufmerksamkeit sorgen.“

 

So wird das Anliegen des Indiebookdays auf der Homepage beschrieben. Diese Initiative zum „Feiertag des unabhängigen Verlegens“ wurden vom mairisch Verlag begründet und ist allmählich auch international bekannt geworden: Letztes Jahr gab es unter anderem auch Beiträge aus Polen, Frankreich, Österreich und den Niederlanden. Und damit der Indiebookday immer bekannter wird und die Aufmerksamkeit für besondere Bücher aus kleinen, unabhängigen Verlagen immer größer, geht es in diesem Jahr munter weiter.

Wie funktioniert das denn aber nun?

Sonja Graus, die ihr vielleicht von ihrem Literaturblog lust zu lesen oder von ihrem ganz neuen sketchnotesblog kennt, hat das besser und kürzer in einem Doodle erläutert, als ich es mit Worten je könnte. Ihre Sketchnote darf ich hier verwenden (Danke, Sonja!), um euch zu zeigen, was ihr tun könnt, um den Indiebookday zu zelebrieren:

Doodle Indiebookday © Sonja Graus

© Sonja Graus 2016

Eine sehr umfangreiche Liste mit unabhängigen Verlagen in Deutschland findet ihr hier (wenn ihr weit nach unten scrollt, auch für Österreich und die Schweiz) auf dem Hotlistblog. Der Hotlistblog ist sowieso eine sehr lohnenswerte Seite, um sich zu den Indies zu informieren.

Ideen für den Indiebookday

Seit Tagen, eigentlich schon seit der Leipziger Buchmesse, suche ich immer wieder nach lohnenswerten Titeln, um meinen Einkaufszettel für morgen zu füllen. Als ob das nötig wäre: Meine Liste ist sowieso schon so lang. Zu lang. Also, äh, gravierend zu lang.
Aber gibt es etwas Schöneres, als nach neuen Büchern und potenziellen Kandidaten für Lektüretrüffel zu suchen? Kaum, wenn ihr mich fragt. Deshalb will auch ich nicht mit meinen Ideen hinter dem Berg halten und euch wenigstens ein paar Bücher vorschlagen, die morgen in euren Buchbeutel wandern könnten.

Franziska Gerstenberg – So lange her, schon gar nicht mehr wahr

Gerstenberg_SoLangeHerPuuh. Zu diesem Buch sollte man nicht greifen, wenn man eh schon einen schlechten Tag hat. Eher, wenn man sich gewappnet fühlt, sich mit den Fallstricken des Alltagslebens auseinanderzusetzen. Dann wird man aber reich belohnt. Franziska Gerstenberg schafft es mit ihrer Erzählweise, die immer schmerzhaft nah der Perspektive der Protagonisten ist, die Atmosphäre erlebbar, die Nöte der Figuren fühlbar zu machen. Lange habe ich nicht so mitgelitten und mich gewunden – mit den Figuren und ihren hilflosen & erfolglosen Versuchen, mit sich, dem Leben und den anderen Menschen klarzukommen. Wie die Autorin das macht, ist einfach fantastisch und zeigt, was Sprache kann: Zwischendurch möchte ich mir die Augen zuhalten wie bei den gruseligen oder peinlichen Stellen im Kino. Geht aber nicht, dann kann ich nämlich nicht weiterlesen. Und das will ich. Stück für Stück, Erzählung für Erzählung, mit Lektürepausen, in denen ich mich völlig anderen Texten widme. Aber wenn ich dann wieder zu diesem Kurzgeschichtenband zurückkehre, bin ich immer wieder aufs Neue beeindruckt.
Mehr Informationen und Leseprobe auf der Verlagsseite von Schöffling & Co.

Lot Vekemans – Ein Brautkleid aus Warschau

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Zu diesem Debüt der als Theaterautorin bekannt gewordenen Niederländerin schreibe ich noch ausführlicher in der nächsten Zeit. Ich habe Lot Vekemans auf der Leipziger Buchmesse getroffen und mit ihr über die Entstehung dieses Buchs als Roman (eigentlich sollte es ein Theaterstück werden), die Figuren, Erzählperspektiven und lauter andere Dinge gesprochen.
Ich schlage vor: Ihr lest derweil schon mal das Buch, und wenn ich das Interview fertig abgetippt habe, tauschen wir uns aus. Deal?
Wieso ihr das lesen sollt? Also gut, in aller Kürze: Weil es um nichts Geringeres geht als um die Frage, welche Entscheidungen des Einzelnen sich wie auf das Leben der Menschen drumherum auswirken. Lot Vekemans erzählt die Geschichte aus drei verschiedenen Perspektiven und zeigt virtuos, wie die Schicksale der einzelnen Figuren miteinander verknüpft sind. Und wieso gut gemeint nicht zwingend gut ist. Und dass jeder einzelne Mensch ganz schön viel im Gepäck hat, von dem er gar nicht weiß, dass es da ist – als blinder Passagier mit auf der Reise durch das eigene Leben, sozusagen.
Beim Wallstein Verlag findet ihr mehr zum Inhalt und könnt ins Buch reinlesen.

Sylvain Mazas – Dieses Buch sollte mir gestatten, den Konflikt in Nah-Ost zu lösen, mein Diplom zu kriegen und eine Frau zu finden  / Teil 1

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Ja, diese Buch aus dem Hause Mückenschwein heißt wirklich so. Sylvain Mazas forsch nach Parametern. Gleich auf der ersten Seite macht der Autor klar, worum es ihm geht:

„Glücklich sein ist das Ziel meines Lebens. Ich weiß es, weil ich einen Plan gemacht habe.“

Dieser Plan in Gestalt einer ausufernden Mindmap wird den Lesern nicht vorenthalten; er liegt dem Buch bei. Mit diesem Graphic-Novel-Reisetagebuch kann man die Suche nach dem individuellen Glück, aber auch nach Ansätzen zur Glücksfindung für die Menschheit an sich mitverfolgen – und sich seine eigenen Gedanken dazu machen. Humorvoll und nachdenklich, mit einem besonderen Blick auf die Welt. Inzwischen gibt es einen zweiten Teil, der schon den Weg auf meinen Wunschzettel gefunden hat. Und ich hoffe, ehrlich gesagt, auf einen dritten: Mich würde nämlich sehr interessieren, wie Sylvain Mazas die aktuelle Weltlage sieht. Für eine ordnende Mindmap wäre ich da sehr dankbar. Hier mehr zum Buch

Wäre mein Klavier doch ein Pferd. Erzählungen aus den Niederlanden.

Wäre mein Klavier doch ein PferdDen Abschluss dieser Vorstellungsrunde macht eine gerade erschienene Anthologie aus der edition fünf. Sie versammelt Erzählungen niederländischer Autorinnen aus den letzten rund hundert Jahren und ist damit ganz wunderbar geeignet, um sich – zumindest für die eine Hälfte – auf den diesjährigen Ehrengast der Buchmesse, Flandern/die Niederlande, einzustimmen. Von Annie M. G. Schmidt über Margriet de Moor bis Maartje Wortel sind spannende Autorinnen versammelt, die „[…] die Grenze zwischen dem Ich und der Außenwelt aus[loten] und fragen, wo die Wahrung des Eigenen in Intoleranz mündet“ (Klappentext). Ich stehe noch am Anfang der Lektüre, empfehle den Band aber bereits jetzt, da ich einige Werke der versammelten Autorinnen bereits kenne & schätze und mir sicher bin, dass diese 15 Nahaufnahmen lohnenswert sind – und die Anthologie ein tolles verlegerisches Projekt ist. Details

So, ich hoffe, dass euch dieser Beitrag für den Indiebookday begeistern kann und ihr viele tolle Sachen entdeckt, auf die ihr ohne diesen Indie-Feiertag und die mediale Rundumbegleitung vielleicht nicht gestoßen wäret. Fündig werdet ihr bei Twitter, auf Facebook, Instagram und Co. – teilt eure Funde unter dem Hashtag #indiebookday.
Habt ihr schon Favoriten? Schreibt ihr auch was zum Indiebookday? Ich freue mich auf eure Kommentare und verlinke euch gern in der Liste unten.


Ich nehme mir jetzt mal ein Beispiel an Mara von Buzzaldrins Bücher und verlinke-linke-linke. Verschiedene aktuelle Beiträge zum Indiebookday findet ihr unter anderem hier:

54books – Buchvorstelllungen
Bibliothecaro – über den Indiebookday / binooki Verlag
binooki Verlag – Beitrag zum Indiebookday
Buchkolumne – Zehn Buchempfehlungen 
Buecherrausch – Buchvorschläge
Buzzaldrins Bücher – Verlags- und Wunschliste
danares.mag – Digitales zum Indiebookday
Herzpotenzial – Kurzvorstellung ausgewählte Verlage
lustauflesen.de – Buchvorstellungen
Miss Booknerd – Lektürevorschläge
Pinkfisch – Video mit Leseempfehlungen 

Wortgestalt – Indies im Bereich Kriminalliteratur
Zeichen und Zeiten – Besprechung ‚Winternovellen‘ anlässlich Indiebookday 

SIFISO MZOBE – YOUNG BLOOD

„Ich erlaubte mir einen luxuriösen Moment des Trauerns, dann schickte ich meine Träume in die Wüste, spuckte auf den Asphalt, ging nach Hause und zog mich um. Vusi und der Anruf, den 740i zu holen – diese Sekunde war der Übergang. Ich wählte Geld statt Freiheit.“

 

Mzobe_YoungBloodDer Roman ‚Young Blood‘ erzählt die Geschichte von Sipho, der in der südafrikanischen Township Umlazi aufwächst und kurz vor seinem 17. Geburtstag die Schule hinschmeißt, weil er da nichts lernt. Jedenfalls nichts, was ihn interessiert. Er lebt mit seinen Eltern und der kleinen Schwester zusammen in einem einfachen Haus, die Eltern arbeiten hart, um den Lebensstandard, den sie erreicht haben, zu erhalten. Der Vater hat sich irgendwann gegen die kriminelle Karriere entschieden und eine Autowerkstatt eröffnet. Sipho will mehr als in der väterlichen Werkstatt vor sich hin schrauben – er träumt von Geld, einem eigenen Auto – ein eindeutiges, wertvolles Statussymbol und eine stabile Währung in Umlazi. Sipho will was anderes machen, etwas, das ihn interessiert und ihm was bringt.

„Fast mein gesamter Freundeskreis bestand aus Township-Bewohnern in zweiter Generation. […] Meine Großeltern väterlicher- wie auch mütterlicherseits gehörten zur letzten Generation derjenigen, die ihr gesamtes Leben am selben Ort verbracht hatten. Die Zeiten änderten sich, und zwar rasant. Selbst ich als Buschmechaniker schwor mir, nicht im Township zu enden, geschweige denn im Haus meines Vaters.“

Und dann taucht Musa auf, Siphos alter Kumpel aus der Wellblechsiedlung, dem „Getto im Getto“. Musa war länger weg, wohl irgendein Business in Johannesburg, jedenfalls hat er es zu was gebracht. Musa hat ein teures Auto. Immer genug Geld. Er macht Geschäfte mit den richtigen, den entscheidenden Leuten. Partys, Drogen, Mädchen. Gangsterleben. Und Sipho kriegt seine Chance, und Sipho steigt ein. Er kann ja mit Autos umgehen, und das ist eine geschätzte Fähigkeit in Umlazi. Es gibt da eine Liste mit Autos, die von irgendwem bestellt wurden. Sipho sucht die Wagen, überlistet die komplexen Sicherungssysteme und liefert die Autos ab. Er bekommt Geld, viel Geld, mehr als er je vorher hatte, und sein erstes eigenes Auto. Alles cool soweit. Aber nicht nur. Oder nicht lange. Denn dann stirbt ein Freund – nach Revierstreitigkeiten mit einer verfeindeten Gang.

„Auf der Welt des Verbrechens lag ein Schock, und wir trauerten wirklich, denn mit Vusi hatten wir einen von uns verloren. Er war auf eine Weise gestorben, vor der wir uns alle fürchteten – gewaltsam und allein, durch Kopfschüsse.“

Sipho hält inne. Denkt nach. Und geht seinen Weg weiter. Er entscheidet sich, noch mal, bewusst für diese Art zu leben. Das ist kein Hineinschlittern – er ist sich des Risikos bewusst. Allerdings gibt auch noch Nana, „sein Mädchen“. Nana macht gerade Abitur und lebt ein ganz anderes Leben. Sie nimmt die Veränderungen an Sipho wahr, mag seine neuen Freunde nicht, ahnt, trotz seiner raffinierten, haarsträubenden Lügen, welchen Weg er da beschreitet. Sipho liebt Nana, irgendwie, also vielleicht, wenn das, was er fühlt, Liebe ist – und in allen seine Zukunftsvisionen kommt Nana vor.
Es kommt, was eigentlich kommen muss: Sipho wird unvorsichtig. Er fährt mit einem frisch gestohlenen Wagen herum, der noch dazu in ein Verbrechen verwickelt war, unter dem Sitz tausend Mantraxpillen, im Reservereifen einen Haufen Ecstasy – das Startkapital für sein zweites Standbein. Drogengeschäfte. Und dann hält ihn die Polizei an. Den Rest lasse ich hier mal offen.

Sifiso Mzobes Debütroman ist schnell, schillernd, hart, geradlinig. Die Sprache passt sich dem an, die Dialoge sind präzise und knapp erzählt, da ist kein Wort zu viel. Es ist, als würde Sipho dieses Jahr Revue passieren lassen, im Nachhinein das Tempo runterfahren und noch einmal hinschauen, was eigentlich alles passiert ist. Als Leser ist man dicht dabei, erlebt chronologisch die verschiedenen Momente mit – die adrenalingeschwängerten Diebeszüge, die quälende Langeweile beim Warten auf den nächsten Auftrag vor dem Fernseher, die Partys, vernebelt durch Whiskydunst und Gras-Rauchschwaden. Mit wenigen Sätzen kann Mzobe Stimmung und Atmosphäre erzeugen, erlebbar machen. Und auch die Auslassungen erzählen etwas: Trotz der Erzählperspektive – Sipho als zurückblickender Ich-Erzähler – erfährt man erstaunlich wenig über die Innenwelt des Protagonisten. Beeindruckend, wie man als Leser in die gleiche Rolle gedrängt wird wie die Figuren, die ihn umgeben: dicht dran und doch weit weg, weil Sipho alle auf Distanz hält, niemanden wirklich teilhaben lässt. Der kluge und empfindsame Junge wird in Sipho ebenso sichtbar wie der sich maßlos überschätzende Möchtegern-Gangster, beide existieren in ihm und geraten auch immer wieder in Konflikt. Dieser Widerstreit wird nicht groß thematisiert, sondern erzählt sich zum Beispiel über die Schlaflosigkeit und die Alpträume (faszinierend geschildert), die Sipho begleiten. In kurzen (Ein)Schüben brechen die Emotionen hin und wieder umso heftiger über den sonst eher nüchtern berichtenden Erzähler herein – große Liebe, große Angst, große Trauer. Klar und kompromisslos wie der Roman und sein Protagonist.
Das Porträt dieses jungen schwarzen Mannes in einem von Kriminalität und Brutalität geprägten Umfeld wird sehr genau entworfen, wie am Reißbrett – und das tut dem Roman dann leider nicht gut. Jedes Klischee, das man über Townships in Südafrika haben kann, und über junge schwarze Männer, wird bedient, ja übererfüllt. Von Drogen und sehr viel Alkohol über glamouröse Gangstervillen, Autodiebstahl und Bandenkriege bis zur korrupten Polizei wird nichts ausgelassen – und das ist mir irgendwann zu viel, erscheint fast pädagogisch, wie eine Warnung. Es wirkt, als sollte in diesem Roman all das untergebracht werden, was einem auf dem Weg zum Erwachsenwerden in einer Township passieren kann. Und: Wäre diese Überfrachtung nicht, hätte ich dem Roman wohl eher verziehen, dass er eine Geschichte erzählt, die nicht unbedingt neu, sondern schon oft erzählt worden ist.
Der Roman lässt mich, aus den beschriebenen Gründen, mit zwiespältigen Gefühlen zurück. Da war Reibung, ich habe mich geärgert, weil ich die Geschichte so gern in Gänze mögen wollte, ich habe einige Sequenzen atemlos gelesen, ich habe gelacht und die Augen ob der teenagerhaften Großkotzigkeit peinlichkeitserfüllt zusammengekniffen, ich habe nachgedacht. Das ist doch was.


Sifiso Mzobe: ‚Young Blood‘. Aus dem Englischen von Stephanie von Harrach. Erschienen 2015 im Peter Hammer Verlag. 272 Seiten, 22 Euro.

Diese Rezension ist zuerst als Gastbeitrag auf dem Blog we read indie erschienen. Verschiedene Blogger haben in loser Folge alle nominierten Titel der Hotlist 2015 besprochen und die dazugehörigen Verlage vorgestellt.
We read indie bietet viele Empfehlungen rund um Publikationen aus Independent-Verlagen – Rezensionen, Interviews und Portraits.

Literarischer Adventskalender #3

Der neue Adventskalender von 54stories

Kennt ihr 54stories? Auf dieser Plattform veröffentlichen Saskia Trebing und Tilman Winterling Texte junger Autoren – exklusiv, für jeden lesbar, zum freien Download. Begonnen haben die beiden mit dem Adventskalender 2014, danach wurde und wird die Textsammlung in loser Folge mit Geschichten, Gedichten und Essays fortgesetzt. Und, zu unser aller Glück, mit einem neuen Adventskalender. Dazu habe ich Tilman Winterling ein paar Sachen gefragt.

54stories Adventskalender 2015

© 54stories

Der Adventskalender von 54stories geht in eine neue Runde. Worauf dürfen wir uns dieses Jahr freuen?
Freuen darf man sich erstmal auf den Kalender an sich und das tun wir uns im Vorfeld schon. Auf der einen Seite, weil so viele positive Rückmeldungen kamen, die schon kurz nach dem Start des Kalenders letztes Jahr eine Verlängerung forderten. Und weil wir nach dem ersten Kalender und dreißig weiteren Geschichten erneut ziemlich schnell 24 hochkarätige Autoren versammeln konnten. Und darauf dürfen sich natürlich auch die Leser ab dem 1. Dezember freuen!

Sind es alles neue Autorinnen und Autoren, alles auf 54stories schon veröffentlichte – oder eine wilde Mischung?
Wir wollten der Linie von 54stories treu und bei der wilden Mischung bleiben. Es gibt also wieder ein paar „völlig unbekannte“, aber auch solche Autoren, die bereits in namhaften Verlagen veröffentlicht haben.

Gibt es wieder pro Tag eine Geschichte oder ein Gedicht – oder sind diesmal auch völlig andere Texte dabei?
Die Schlagzahl bleibt täglich und auch die Genres bleiben. Zwar würde ich gerne mal einen ausführlichen Essay zu einem völlig abseitigen Thema veröffentlichen, aber alle angefragten Autoren sind zu beschäftigt und Notlösungen, nur um das Spektrum zu erweitern, möchten wir nicht.

Wie habt ihr die Texte gefunden und ausgewählt?
Wir haben inzwischen den Vorteil, dass wir von unseren bisherigen Autoren Empfehlungen bekommen oder einholen, sodass wir noch vielfältiger werden. Es werden wieder Österreicher dabei sein, davon einer meiner aktuellen Lieblingsautoren. Wir haben erstmals einen Text, der für uns aus dem Englischen übersetzt wurde und wieder etliche bereits mit Literaturpreisen ausgezeichnete Autoren und Autorinnen. Es dürfte wieder für jeden Leser etwas dabei sein!

Morgen fällt nun endlich der Startschuss. Ich freue mich sehr auf das tägliche Lesen und bin schon sehr gespannt, wer dieses Jahr so dabei ist. Wer zu neugierig ist, um bis morgen zu warten, kann bei Twitter nachlesen, mit wessen Geschichte es losgeht. Wer sich überraschen lassen will, liest einfach keine alten Tweets nach. In jedem Fall und mit allen Adventskalendern wünsche ich viel Spaß, schöne Lesestunden und eine gute Adventszeit!


Der Adventskalender erscheint auf 54stories und kostet gar nichts. Die Geschichten dürfen gelesen, geteilt und runtergeladen, aber natürlich nicht kommerziell genutzt oder vertrieben werden. Aktuelle Informationen zu allem, was auf 54stories passiert, findet ihr auch auf Facebook und Twitter.

Literarischer Adventskalender #2

‚Der klassische Adventskalender‘

Der klassische AdventskalenderMein zweiter Favorit unter den literarischen Adventskalendern ist dieser Buch-Adventskalender. Herausgeberin Juliane Beckmann hat für diese Anthologie „die 24 schönsten Weihnachtsgeschichten“ versammelt. Besonders gelungen finde ich die Wahl der Autoren: Nicht nur Thomas Mann, Charles Dickens und Agatha Christie sind vertreten, sondern auch unbekanntere Schriftsteller wie Auguste Branchart oder Georg Ebers. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es für die geneigten Leser klassischer Literatur nicht nur ein Wiedersehen mit vertrauten Texten gibt (was ja aber auch sehr schön sein kann), sondern dass darüber hinaus Neuentdeckungen möglich sind. Deshalb ist dieser Adventskalender nicht nur ein Begleiter für die Vorweihnachtszeit, sondern auch eine Art Leseproben-Sammlung – in diesem Fall eben nach dem Kriterium der „Weihnachtlichkeit“ zusammengestellt. Bei mir verstärkt er jedenfalls die Lust, mal wieder einen der sogenannten Klassiker in die Hand zu nehmen – und die Neuerscheinungen mal eben beiseite zu lassen.
Mich persönlich hätte ja noch interessiert, wie hier der Begriff „Klassiker“ definiert wird und nach welchen Kriterien die Ausschnitte ausgesucht wurden. Es gibt da doch sicher mehr als diese 24 weihnachtstauglichen Texte, die infrage kommen, oder? Wieso also eben jene? Aber das wäre jetzt schon ganz schön pingelig. Schließlich geht es hier nicht um einen Forschungsauftrag, sondern darum, sich mit dem Buch auf das Sofa zu kringeln, mit Adventskranz, Tee und Vanillekipferln in Sicht- bzw. Reichweite. Das wird super. Leseprobe


Juliane Beckmann (Hrsg.): ‚Der klassische Adventskalender‘. 24 Geschichten bis zum Fest.‘ Erschienen bei S. Fischer, erhältlich in drei Varianten: als kleines Hardcover und Taschenbuch (je 10 Euro), außerdem als E-Book (3,99 Euro).