Georgische Literatur im Weidle Verlag – Interview mit Verleger Stefan Weidle

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Der Ehrengast der Frankfurter Buchmesse heißt 2018 Georgien. Bereits seit dem letzten Jahr erscheinen daher verstärkt auch in Deutschland Bücher aus der Kaukasusregion. Besonders die Indieverlage haben sich der großen literarischen Vielfalt des kleine Landes angenommen. Ein Beispiel ist der Weidle Verlag aus Bonn: Das Verlagshaus hat gleich drei – allesamt empfehlenswerte! – georgische Romane im Programm. Mit dem Verleger Stefan Weidle habe ich über „seine Georgier“ gesprochen.

Inzwischen sind bei Weidle drei georgische Romane erschienen: Zurab Karumidzes „Dagny oder Ein Fest der Liebe“ sowie „Reise nach Karabach“ und „Der Filmvorführer“ von Aka Morchiladze. Wie ist die georgische Literatur zu euch in den Verlag gekommen?
Wir nehmen seit ein paar Jahren einigermaßen regelmäßig am Gastlandprogramm der Frankfurter Buchmesse teil und kennen daher Tobias Voss von der Buchmesse. 2014 trafen wir ihn zufällig während der Messe im Restaurant des Städel Museums, im Gespräch mit einer Dame, die er uns vorstellte: Das war Medea Metreveli, die Direktorin des Georgian National Book Center. Im Mai 2015 lud uns Medea mit einer Gruppe von Verlegern nach Tiflis ein, um die Literatur des Landes kennenzulernen. Und die Stadt. Die ist, wie das ganze Land Georgien, suchtbildend – und die Literatur, soweit wir sie lesen konnten, passte dazu. Das Sprachproblem erwies sich freilich als groß, und so war es ein mehr als glücklicher Zufall, dass eines der ersten georgischen Bücher, die wir lasen, auf Englisch geschrieben war: Zurab Karumidzes „Dagny, or a Love Feast“. Und kurz darauf bekamen wir die englische Ausgabe von Aka Morchiladze: „Journey to Karabakh“. Und dann wurden die Verträge geschlossen.

Tiflis ist, wie das ganze Land Georgien, suchtbildend – und die Literatur, soweit wir sie lesen konnten, passte dazu.

Kannst du uns die drei Romane und ihre Autoren kurz vorstellen?
Was hat dich für diese Texte eingenommen?
Beide Autoren werden in Georgien viel gelesen, weil sie sich mit der Geschichte und der Kultur ihres Landes auseinandersetzen. Zurab Karumidze auf mehr spielerische, sprunghafte Weise, Aka Morchiladze unter immer wieder neuen Aspekten, indem er zum Beispiel oftmals georgische Dialekte benutzt. Zurabs Buch wurde mal als die anspruchsvollste Einführung in die georgische Kultur bezeichnet. Das sehe ich genauso, und deshalb hat er auch sein Buch auf Englisch geschrieben. Man kann sich in dem Strudel seiner Ideen und Phantasmagorien leicht verlieren, hat aber immer Spaß dabei. Aka hingegen ist der Chronist seines Landes, er wird in Georgien fast kultisch verehrt, und ich habe noch keinen einzigen Georgier getroffen, der „Reise nach Karabach“ nicht kannte. Sei zweiter Roman bei uns, „Der Filmvorführer“, bietet eine Lebensgeschichte aus Westgeorgien, mit einem naiven Helden im Mittelpunkt, in dem sich die Veränderungen des Landes innerhalb der letzten Jahrzehnte spiegeln.

Der Gastland-Auftritt hat nicht nur den Vorteil, dass die Übersetzungen gefördert werden, sondern unsere Bücher gelangen damit mitunter auch in Geschäfte, die uns für gewöhnlich nicht führen, die Buchhandelsketten nämlich.

Die drei Bücher sind 2017 und 2018 erschienen, also schon in „Reichweite“ des georgischen Ehrengast-Auftritts. Welchen Einfluss hat die Wahl des Ehrengasts auf die verlegerische Arbeit bei Weidle? 
Nun, wir arbeiten gern mit dem Gastland zusammen, weil wir auf diese Weise eine neue Literatur kennenlernen, die Länder bereisen (wir waren auch schon in Norwegen) und bleibende Beziehungen aufbauen. Wir wollen ja nicht nur ein Buch aus dem jeweiligen Land machen, sondern eine Reihe entwickeln, so haben wir vier Titel aus Neuseeland und vier aus Island publiziert, und wir werden da auch weitermachen. Mit unserer indonesischen Autorin Leila S. Chudori sind wir ebenfalls noch in Kontakt und warten auf ihr neues Buch. Ein zweiter Roman von Joost Zwagerman erscheint noch in diesem Jahr. Der Gastland-Auftritt hat nicht nur den Vorteil, dass die Übersetzungen gefördert werden, sondern unsere Bücher gelangen damit mitunter auch in Geschäfte, die uns für gewöhnlich nicht führen, die Buchhandelsketten nämlich. Und die mediale Aufmerksamkeit ist gegeben – die vergeht zwar rasch, und dann kommen die Rückläufer aus dem Buchhandel, aber wir erreichen doch mehr Resonanz als wir mit denselben Titeln zu anderen Zeiten bekämen.

Wird es auch in Zukunft georgische Titel bei Weidle geben?
Mit Sicherheit, allerdings nicht 2019. Der Buchmarkt muss erst einmal die in diesem Jahr erscheinenden über 100 Bücher aus Georgien verdauen.

Du bist in den letzten Jahren mehrfach in Georgien gewesen. Wie nimmst du die literarische Szene dort wahr?
Was mir gefällt, ist, dass alle Literaten freundschaftlich miteinander umgehen, sogar mit ihren Verlegern. Ich habe dort nie die hierzulande gewohnte Neidkultur erlebt. Ich war jetzt viermal dort, meine Frau schon sechsmal. Im nächsten Jahr wandern wir wieder in Swanetien. Dann brauchen wir sicher Autogrammkarten, denn das georgische Fernsehen dreht gerade einen Beitrag über uns für die Reihe „Friends of Georgia“.

Zum Abschluss: Welches georgische Buch aus einem anderen Verlag sollten die Leserinnen und Leser auf keinen Fall verpassen?
Das ist schwierig, es gibt sehr viele großartige Bücher. Aber wenn nur eines, dann Otar Tschiladzes „Der Garten der Dariatschangi“, großartig übersetzt von Kristiane Lichtenfeld (erschienen bei Matthes & Seitz). Der Roman erzählt neben vielem anderen auch den alten Mythos von Medea, Jason und dem Goldenen Vlies neu. Und zeigt dabei für mich durchaus Parallelen zu Thomas Manns Josephsroman.

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Verleger Stefan Weidle (l.) & Autor Zurab Karumidze


Vielen Dank an Stefan Weidle für das Interview.

Informationen zum Verlag und den dort erscheinenden Büchern findet ihr auf weidleverlag.de 

 

 


logo_littripGE18Dieser Beitrag ist Teil des von El Tragalibros und Kielfeder initiierten Blogprojekts #littripGE18 – Eine Reise nach Georgien mit zahlreichen Beiträgen zum diesjährigen Buchmesse-Gastland.
Die Links zu allen teilnehmenden Blogs und Informationen zu Aktionen in den sozialen Medien gibt es im Ankündigungspost

6 Antworten

  1. Hallo,
    jetzt hab ich mir mal noch Zeit genommen für deinen Beitrag zum #littripGE18 und den fand ich richtig interessant. Der Verlag ist mir weitgehend unbekannt, das sollte ich mal ändern da ich gerne auch abseits des Mainstream lese und bei Indie-Verlage und Autoren findet sich oft richtig tolle Literatur. Generell habe ich mich jetzt echt in Bücher aus Georgien „verliebt“ und meine Liste wächst immer weiter. Die hier genannten muss ich mir mal noch näher anschauen.
    Lieben Dank für das schöne Interview.
    Komm gut ins das Wochenende
    Herzliche Grüße
    Kerstin

    • Liebe Kerstin,
      ich freue mich, dass dir das Interview gefällt, und dass du dadurch den Weidle Verlag entdeckt hast, freut mich besonders!
      Sehr gern mochte ich z.B. auch Joost Zwagermans „Duell“ – ich freue mich sehr, das sein Roman „Gimmick!“ noch diesen Herbst erscheint.
      Viel Spaß beim Entdecken des Weidle-Programms und der georgischen Literatur (ich bin auch echt begeistert!) und liebe Grüße
      Malu

  2. Liebe Malu,

    vielen Dank für das schöne Interview. Es ist total spannend Einblicke in das Verlagsleben zu erhalten, besonders, dass es beim Weidle Verlag eine so enge Kooperation mit dem Gastlandauftritt der Buchmesse gibt. Das werde ich mir für die nächsten Jahre auf jeden Fall merken, und mir das Programm ganz genau anschauen. (-:

    Viele Grüße, Ramona

    • Liebe Ramona,

      wie schön, dass dir das Interview gefällt und dich auf die Weidle-Gastland-Fährte führt …
      Dir vielen Dank für die Organisation des ganzen Blogprojekts, gemeinsam mit der anderen Ramona – das war sicher eine Menge Arbeit!

      Liebe Grüße
      Malu

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