Interview mit Andreas Platthaus über Literaturblogs

Andreas Platthaus ist Ressortchef Literatur und Literarisches Leben bei der F.A.Z. und bloggender Comic-Experte. Im Interview spricht er über das Verhältnis des Feuilletons zu Blogs. 

Leipzig, 26.03.2017, CCL, Keynote Andreas Platthaus (Ressortchef Literatur u. literarisches Leben bei der FAZ) im Interview mit Malu Schrader

Literaturkritiker Andreas Platthaus © Gaby Waldek

Sie haben in Ihrer Keynote zu den buchmesse:blogger sessions davon gesprochen, dass Feuilleton und Blogs hinsichtlich leidenschaftlicher Kritik Verbündete, aber gleichzeitig Konkurrenten um Aufmerksamkeit sind. Das klingt sehr gleichberechtigt – aber ist es nicht oft so, dass im Blog landet, was in der Zeitung keinen Platz findet?
Beim Comic zum Beispiel auf jeden Fall. Bestimmte Dinge würde ich gar nicht machen, wenn ich nicht den Blog hätte. So regelmäßig würde ich gar keinen Platz für Comics bekommen. Dafür ist der Comic – so blöd sich das anhört – eine zu kleine Form. Häufig wird aber auch in anderen Bereichen die Überlegung angestellt: Müssen wir das überhaupt noch auf den knappen Papierplatz setzen? Reicht es nicht, ein Thema nur online zu machen, wenn es nicht ganz so wichtig ist? Damit bauen wir aber in gewisser Weise eine Leserschaft zweiter Klasse auf, die von uns zwar mehr zur Lektüre angeboten bekommt, jedoch vor allem Dinge, die wir selbst gar nicht für so wichtig halten. Aber eine der wichtigen Funktionen einer Zeitung ist ja gerade die Auswahl. Diese Auswahlfunktion müsste man auch im Netz weiterhin sichtbar machen. Darum bin ich kein großer Fan der Herangehensweise „Nicht wichtig genug fürs Blatt, aber halbwegs wichtig genug fürs Netz“.

Sind Blogs unabhängiger in der Auswahl dessen, was sie besprechen, weniger getrieben von Neuerscheinungen?
Das ist auf jeden Fall ein Thema. Ich finde es ärgerlich, dass wir uns in eine gewisse Hektik der Besprechung hineintreiben lassen. Bücher, die man später noch entdeckt – sei es durch Empfehlung, sei es durch Lektüre, man kann ja nicht alles gleichzeitig lesen –, sind ja nicht schlechter, als sie es zum Erscheinungszeitpunkt waren. Wir haben ein tolles Vertriebssystem in Deutschland, es ist kein Problem, Bücher, die ein paar Jahre alt sind, zu bestellen, weil sie vorrätig gehalten werden. Da sehe ich eine große Kompensationsmöglichkeit durch Blogs. Ich habe überhaupt keine Skrupel zu sagen, ich bin durch Zufall jetzt, mehr als ein Jahr nach Erscheinen, auf diesen oder jenen Comic gestoßen. Den möchte ich unbedingt empfehlen, und dies und das sind die Gründe dafür. Das passiert dann im Blog.

Glauben Sie, dass Blogs und Feuilleton sich in Zukunft näher kommen?
Ich würde mir sehr wünschen, dass mehr meiner Kollegen sich den Luxus erlauben würden zu bloggen. Es ist eine sehr schöne Form, um die Dinge, die wir wahrnehmen – viel mehr, als im Blatt landet –, dann auch zugänglich zu machen. Und es ist auch deshalb schön, weil die Blogs an keinerlei Erwartung gebunden sind. Ein Beitrag kann mal zwei, drei Sätze lang sein, das wird die Leute nicht ärgern; aber es können auch fünf, sechs Seiten sein, das wird die Leute im schlimmsten Fall langweilen. Für mich ist es toll, einen Bereich innerhalb des Netzauftritts der Zeitung zu haben, bei dem klar ist: Das hier ist absolut subjektiv. Da guckt auch kein Zweiter notwendig drauf, während sonst bei uns in der Zeitung wie auch im Netz das strenge Vier-Augen-Prinzip gilt. Manchmal macht man dumme Fehler, ich habe auch schon  dumme Fehler gemacht, aber das Bloggen hat dafür den Reiz der absoluten Unmittelbarkeit. Umgekehrt würde ich mir wünschen, natürlich auch aus egoistischen Gründen, dass mehr Blogs die Lektüre beispielsweise der F.A.Z. oder der Süddeutschen Zeitung zum Thema machen würden. Das fände ich sehr interessant, denn was ist spannender als Lesermeinungen?

Umgekehrt machen Sie aber die Lektüre der Blogs auch kaum zu Ihrem Thema …
Da haben Sie vollkommen recht! Im Endeffekt berichtet man einmal über das Phänomen, dann nennt man im besten Fall drei oder vier Beispiele, und damit hat sich die Sache. Da fordere ich also etwas, was ich auf der anderen Seite überhaupt nicht in Erwägung ziehe.

Es gibt ja sehr guter Blogs mit tollen Inhalten und hoher Reichweite. Warum findet zwischen denen und der „F.A.Z.“ keine Zusammenarbeit statt?
Es gab das mal: die Zusammenarbeit mit dem feministischen Blog 10vor8. Der war sehr interessant zu lesen und agierte unabhängig von der F.A.Z., aber es gab bisweilen Zielkonflikte. Die betreffen dann die Unabhängigkeit, aber von beiden Seiten. Ein unabhängiger  Blog will sich, verständlicherweise, nicht den F.A.Z.-Regularien unterwerfen. Aber es liest sich seltsam, wenn die eigene Zeitung oder die eigene Homepage von einem Blog, der dort mit vernetzt ist, angegriffen wird. Das passiert bisweilen, womöglich aus jeweils guten Gründen. Aber das hat dann leider keine Zukunft, dann sollte man lieber völlig unabhängig sein. Das ist die Schwierigkeit mit externen Blogs – wir beeinträchtigen deren Unabhängigkeit, wenn wir sie unseren Regularien unterwerfen. Deshalb ist es sehr schwer, da zusammenzukommen.

Andreas Platthaus’ Comic-Blog findet ihr hier: http://blogs.faz.net/comic/


Dieses Interview mit Andreas Platthaus konnte ich am Rande der buchmesse:blogger sessions führen. Es ist zuerst auf boersenblatt.net erschienen.
Veröffentlichung hier mit freundlicher Genehmigung des Börsenblatts.

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