‚Pas op, boekenworm! Snel lezen!‘ – Die Gastlandreihe aus dem Verlag Klaus Wagenbach

Pas op, Boekenworm! Snel lezen

In diesem Jahr erscheinen in vielen (fast allen?) Verlagen niederländischsprachige Titel – in den meisten Fällen im Zusammenhang damit, dass Flandern und die Niederlande dieses Jahr gemeinsam Ehrengast der Frankfurter Buchmesse sind. Der Verlag Klaus Wagenbach begnügte sich nicht mit dem Verlegen eines oder zweier Titel aus dem Gastland, nein – unter dem Motto ‚Pas op, boekenworm! Snel lezen!‘ ist gleich eine ganze Reihe mit sechs Titeln erschienen. Im Interview mit El Tragalibros erklärt Wagenbach-Lektorin Lena Luczak, wie es dazu kam:

„Jedes Jahr im Frühjahr bringen wir fünf bis sechs Titel in einer besonderen Taschenbuchaktion heraus zu einem übergeordneten Thema. Das kann, muss aber nicht mit einem bestimmten Gastland zusammenhängen. Wir hatten auch schon als Thema ‚Starke Frauen‘ oder ‚Literarische Krimis‘ etc. Diese Bücher sind immer inhaltlich wie äußerlich zusammengebunden und unterscheiden sich gestalterisch vom übrigen Programm. In vielen Buchhandlungen gibt es dazu oft besondere Schaufenster und ähnliches mit den Aktionstiteln. Das hilft den Büchern auf dem Weg zum Publikum.“

Ich habe mir aus der Reihe zwei sehr unterschiedliche Titel ausgesucht, die ich auch für meine Veranstaltung ‚Literarisches Speeddating – Flandern und die Niederlande‘ (Termine) ausgewählt habe. Es folgt: jeweils eine kurze Vorstellung samt Einschätzung. Dazu habe ich – Premiere! – jeweils eine kleine Stelle für euch eingelesen, damit ihr einen Eindruck vom jeweiligen Text bekommt. Mit echt original Erkältungsgebrummel!
(Mit freundlicher Erlaubnis vom Verlag Klaus Wagenbach. Danke, dass ich das machen durfte. Das mit der Erkältung tut mir leid.)

Cees Nooteboom:  Turbulenzen

Das schmale Bändchen von Cornelis Johannes Jacobus Maria (Cees) Nooteboom, der heute in Amsterdam und auf Menorca lebt, versammelt verschiedene kleine Texte zum Thema Reisen. Damit bleibt sich Nooteboom treu, gilt er doch als einer der wichtigsten Reiseschriftsteller unserer Zeit. Aber Reisen allein ist nicht Gegenstand dieses Buches, es geht auch um Erinnerungen und um das Alter, um den Abstand zum Erlebten und um das, was daraus resultiert. Anekdoten (die von der guten Sorte) stehen neben philosophischen Fragen (Wenn ich nicht allein, sondern gemeinsam mit jemandem reise – bleibe ich dann nicht dennoch allein, weil nur ich die Dinge auf meine Art betrachte?). Wie ein Puzzle werden die verschiedenen Reiseschnipsel zusammengesetzt, und auch wenn die Ziele – von Hilversum bis Albina in Surinam – sehr weit von einander entfernt sind, verdichten sich die Reiseerzählungen beim Lesen zu einer Geschichte. Die Schnipsel werden zu einem Bild. Weil es weniger um die einzelnen Reiseziele geht als darum, wie das so ist mit dem Reisen. Und was es mit einem macht. Mit seinem unverwechselbaren Ton, dem subtilen Humor nimmt Nooteboom die Leser mit auf seine Erinnerungsreise und lässt sie teilhaben an seinen Beobachtungen. Der Verlag schreibt: „Nooteboom-Fans werden eine ebensolche Freude haben wie Nooteboom-Anfänger“ – ich stimme zu.

Cees Nooteboom: Turbulenzen. Reisegeschichten. Erschienen 2016 im Verlag Klaus Wagenbach. Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen. 

Cees Nooteboom: Turbulenzen. Allein oder mit anderen. S. 38f.

Wytske Versteeg: Boy

In ihrem zweiten Roman erzählt Wytske Versteeg die Geschichte eines Paares, das sich ein Kind wünscht. Oder vielleicht ist es auch die Geschichte eines Mannes, der sich ein Kind wünscht, und einer Frau, die sich gar nicht so sicher ist. Auf jeden Fall können sie gemeinsam kein Kind bekommen – „Mein Zervixschleim und seine Spermien seien inkompatibel, genau so drückten sie sich aus und entschuldigten sich anschließend für die unglückliche Formulierung, die sic mir da aber bereits unauslöschlich eingebrannt hatte: Wir waren nicht dafür gemacht, ein Paar zu sein.“ – sie entschließen sich zu einer Adoption.
Das alles wird in Rückblenden erzählt, aus der Perspektive von Esther, der Adoptivmutter von Boy. Da ist Boy aber nicht mehr am Leben. Der Jugendliche war auf einem Klassenausflug verschwunden, später wird seine Leiche gefunden, die Polizei spricht von Selbstmord. Esther kann sich nicht mit Boys Tod abfinden. Esther und Mark, scheinbar nur noch in der Elternrolle als Paar vorhanden, driften in der Trauer endgültig auseinander.

„Mark und ich reden zwar noch manchmal, tun dabei aber eher so, also ob wir reden. Wenn wir weinen müssen, schließen wir uns auf dem Klo ein, als könnten wir uns durch die Tür nicht hören. Wir leben wie zwei Fremde in dem Haus, das jetzt viel zu groß ist, tauschen höflich Butter, Marmelade, und Erlebnisse aus.“

Geradlinig erzählt Wytske Versteeg eine Geschichte des Scheiterns auf allen Ebenen: die der (Adoptiv-)Mutter, der für ihre persönliche Situation auch ihr Wissen als Psychiaterin nichts nützt, eines Paares, das nicht in Kommunikation miteinander treten kann – und in größerem Maßstab auch die einer Gesellschaft, in der Mobbing und Rassismus nach wie vor ein Thema sind, ein Thema sein müssen. Schuld, großes Leid, Rachsucht und Einsamkeit: Es sind große Themen, aus denen die Autorin einen Roman entwickelt, der bisweilen an die Ausmaße griechischer Tragödien erinnert.
Schon auf einer Lesung im Rahmen der Leipziger Buchmesse beeindruckte mich Wytske Versteeg mit wenigen Seiten aus ihrer Geschichte, und dieser erste Eindruck hat sich für mich voll und ganz bestätigt. Kein Buch für heitere Stunden – aber eine absolut lohnenswerte Lektüre. Ich werde ihr Debüt ‚De wezenlosen‘ (‚Die Unwirklichen‘) auf jeden Fall lesen – und vielleicht nimmt sich Wagenbach ja auch dem Verlegen dieser Übersetzung an …

Wytske Versteeg: Boy. Roman. Erschienen 2016 im Verlag Klaus Wagenbach. Aus dem Niederländischen von Christiane Burkhardt.

Wytske Versteeg: Boy. S. 40f.


Literarische Reise in die NiederlandeDieser Beitrag ist Teil des Blogprojekts #littripNL16: ‚Auf den Spuren von Tulpen und Windmühlen‘ – Eine literarische Reise in die Niederlande, initiiert von El Tragalibros. Ein bisschen was dazu habe ich hier schon geschrieben.


Zu den Beiträgen der anderen Blogger bitte hier entlang:
El Tragalibros – Projektvorstellung und Terminplan
Pinkfisch – DAS MAG.  Junge Literatur aus Flandern und den Niederlanden
Umblättern – ‚Ferne/Sehnsucht nach Kapstadt‘ von Otto de Kat  

El Tragalibros – Wie bereitet sich der Verlag Klaus Wagenbach auf den FBM-Ehrengast vor? 
Eintopf Heimat – Niederlande/ Flandern kulinarisch 
(mit extra Rezept für #littripNL16: Meikaas mit sautierten Spargelspaghetti)
Der Bücherblog – Boekenbon vs BücherScheck. Die Büchergutscheine im Vergleich 
Papiergeflüster – Ein niederländischer Comic: ‚In the Pines – 5 Murder Ballads‘ von Erik Krieg
Bücherkaffee – Gastland Niederlande & Flandern | Der Eismacher von Ernest van der Kwast
Teekesselchen – Niederländischer Frühstückskuchen

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