ZADIE SMITH – LONDON NW

 „Vielleicht ist es ja nicht so schlimm, dass das Leben nie zu etwas Überlebensgroßem erblüht ist.“

9783462045574_5Leah ist weiß, arbeitet im sozialen Bereich und hat keine Ahnung was sie in ihrem Leben will – abgesehen vielleicht von Michel, ihrem französisch-algerischen Mann. Der wiederum wünscht sich genau das, wovon Leah ziemlich genau weiß, dass sie es nicht will: ein Kind. Deshalb lässt sie ohne Michels Wissen eine Abtreibung vornehmen und nimmt danach heimlich die Pille. Den radikalen Nicht-Kinderwunsch teilte sie lange mit ihrer Freundin Natalie, die eigentlich Keisha heißt und nun aber doch Mutter zweier Kinder geworden ist. Weil das eben irgendwie erwartet wird und dazugehört zu ihrem neuen Leben: Rechtsanwältin, Erfolg, großes Haus, reicher Mann. Dass sie als schwarze Frau all das erreicht hat, lässt den Erfolg doppelt zählen – und schützt sie trotzdem nicht vor Langeweile ̧ Angst und Selbstverleugnung. „So ’ne Kokosnuss. Außen braun, innen weiß. Hat sich für sonst was gehalten.“, kommentiert eine ehemalige Mitschülerin.

Wie Leah und Natalie stammt auch Felix aus dem trostlosen, ökonomisch schwachen und vorwiegend von Migranten bewohnten Stadtteil-Dorf Willesden im Londoner Nordwesten. Felix hat seine Drogensucht ganz und seine Liaison mit der (selbst-) zerstörerischen Annie fast hinter sich gelassen. Er will sich jetzt voll auf die Beziehung zu seiner „Lebensretterin“ Grace und seine Karriere konzentrieren. Da ist für seinen Vater, den chaotischen, altlinken Rastafari, kein rechter Platz mehr. Und dann ist da noch Nathan, der weiße Dealer und Zuhälter, der sich zusehends in seiner Drogensucht verliert. Obwohl er doch früher der Schwarm der Mädchen war und eigentlich Profisportler hätte werden können. Fast.

Wie die Linien der Londoner Tube laufen die Lebenslinien der Figuren nebeneinander her, kreuzen sich, entfernen sich von einander und nähern sich wieder an, driften ab. Zadie Smiths Roman ist weniger eine klassisch erzählte Geschichte mit klarer Dramaturgie als ein kaleidoskopartiges Mosaik, bestehend aus unzähligen Teilchen. Als Leser begleiten wir das Erleben und Erinnern der allesamt um die dreißigjährigen Hauptfiguren, wechseln die Perspektive, erfahren unterschiedliche Wahrheiten. Der Erzähler tritt stark hinter den Figuren zurück; er weiß nie mehr als seine Figuren, erklärt und bewertet nichts. Das unterstützt die Mosaikartigkeit ebenso wie die vielen nebeneinander existierenden Erzählformen: vertrauter Fließtext neben Chatprotokoll, Grabstein-Inschrift neben aufzählendem Gedankenstrom, ellipsenartiges Gerüche-Stakkato als Wegbeschreibung neben Apfelbaum-Gedicht. Man muss als Leser auf Zack sein, um die vielen Einzelteile zu einem großen Ganzen zusammenzubringen.

Die Vielfalt der Themen ist – glücklicherweise – nicht ganz so groß, sonst ginge man chancenlos unter in diesem Strudel. Es geht letztlich um die eine große Frage: Was braucht der Mensch zum glücklich sein, jeder für sich gesehen? Die Ausgangssituation gleicht einer Versuchsanordnung, bei der alle Figuren den gleichen Startpunkt haben: London NW. Die Figuren unternehmen mehr oder minder große Anstrengungen, ihr Leben zu gestalten, wobei die Freundinnen Leah und Natalie als Gegenentwürfe zueinander gesehen werden können. Während Leah sich nach einer Phase der Rebellion gegen die Konformität der Erwachsenenwelt treiben lässt, verwirklicht Natalie ehrgeizig ihr Ziel, etwas zu erreichen im Leben. Glücklich sind die Frauen dennoch beide nicht; und ihr „Wir-gegen-die-Anderen“-Freundschaftsgefühl von früher haben sie unterwegs auch verloren. „Nichts in ihrer Kindheit hat Leah darauf vorbereitet, wie häufig sie jetzt zum Abendessen eingeladen ist, meistens bei Natalie, die Michel und sie einlädt, damit sie für etwas Lokalkolorit sorgen. Sie wissen beide nicht, was sie mit Anwälten und Bankern und dann und wann auch einem Richter reden sollen. […] Erst als sie auf beide Wangen geküsst worden sind, als die schwere Haustür sich wieder geschlossen hat, als sie wieder in die Nacht hinausdürfen, erwachen Leah und Michel zum Leben.“

Schwarzsein und Weißsein, das ist die Folie, auf der Zadie Smith ihren Roman entwickelt. Schwarzsein ist das „Normale“, das Erwartbare in London NW, die Figuren mit weißer Hautfarbe werden explizit als solche eingeführt. Auch wenn die noch stets andauernde Diskriminierung fortwährend hintergründig miterzählt wird, hängen persönlicher und ökonomischer (Miss-)Erfolg hier nicht mehr allein von der Hautfarbe ab. Es gibt schwarze Versager und weiße; schwarze und weiße Erfolgsbiografien stehen ebenfalls nebeneinander. Die Verhältnisse sind also komplexer geworden. Es geht um individuelle Entscheidungen, darum, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, sich unabhängig zu machen von der eigenen Herkunft – und darum, ob und wie das alles überhaupt machbar ist.

Mit ‚London NW‘ bleibt sich Zadie Smith in gewisser Weise treu: Klassenunterschiede, Herkunft und das Scheitern des Einzelnen in komplexen Gesellschaftsgefügen – das sind die Themen, die auch in ihren früheren Romanen wie ‚Zähne zeigen‘ oder ‚Von der Schönheit‘ verhandelt wurden. „Schon wieder“, könnte man denken, aber so ist es nicht. Mit wechselnden Milieus, beeindruckenden Stilvariationen und großem erzählerischen Geschick variiert Zadie Smith ihre Kernthemen und lässt dadurch keine Sekunde Langeweile aufkommen. Die Sprache ist hart, distanziert und frei von jeglicher Sentimentalität – und dennoch entsteht ein minuziöses, nahbares Bild der Figuren und ihres Innenlebens. Mit einem genauen Blick für die Details des alltäglichen Lebens entwirft Zadie Smith ein Bild der Gesellschaft, das einen zugleich anrührt und nachdenklich stimmt – ohne dabei je belehrend den Zeigefinger zu erheben.


Zadie Smith: ‚London NW‘. Aus dem Englischen von Tanja Handels. Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch.

3 Antworten

  1. Hallo Malu,
    habe deinen Blog eben entdeckt. Und ich werde jetzt wohl öfter vorbeischauen!
    London NW hatte ich auch schon ins Auge gefasst. Ich denke das wird dann mein Buch im Herbst wenn ich London dann tatsächlich zum ersten Mal live erleben darf. Sehr schöne Rezension!
    Beste Grüße
    Chrissi

  2. Hallo Chrissi,
    schön, dass du hier gelandet bist & öfter vorbeischauen willst – das ist ein tolles Kompliment, danke! ‚London NW‘ in London zu lesen ist natürlich eine grandiose Idee. Ich wünsche dir schon jetzt eine schöne Reise mit toller Lektüre!
    Und jetzt schau ich mal bei dir vorbei…
    Liebe Grüße, Malu

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